Mittwoch, 26. Oktober 2016

Alpin Journal: Vom richtigen Timing in den Bergen

Alpin Journal: Vom richtigen Timing in den Bergen: Vom richtigen Timing in den Bergen Der Spätherbst ist eingekehrt in unseren Bergen, das Laub  hat sich verfärbt, oben liegt schon Schnee ...

Vom richtigen Timing in den Bergen

Vom richtigen Timing in den Bergen

Der Spätherbst ist eingekehrt in unseren Bergen, das Laub  hat sich verfärbt, oben liegt schon Schnee und schön langsam wird es von Tag zu Tag kälter in der Früh.
herbstlicher Berglauf zum Hinteren Gosausee

Zeit sich etwas zurück zu lehnen und auszurasten. Jeder Profisportler schaut, dass er im Jahreszyklus seine Regenerationszeit einhält. Ist eh klar, der Körper ist ja schließlich keine Maschine. Vor allem wenn man über Jahre oder gar schon Jahrzehnte regelmäßig unterwegs ist, sollte es eigentlich klar sein, sich bzw. seinem Körper eine ruhige Zeit zu gönnen. Zeit kleine Wehwehchen auszuheilen, eventuell sogar etwas Speck anzusetzen und langsam aber sicher wieder so richtig Motivation für die nächste Saison zu tanken. Für mich hat es sich bewährt, nach einer "ruhigeren Zeit" langsam mit Regenerationstraining zu beginnen und mich auf den Winter vor zu bereiten, sowohl körperlich als auch mental. Klar hier geht es um Bergsteigen  und eindeutig nicht um Skirennen oder Skitouren Rennläufer. Diese müssen sich einer anderen Jahresplanung unterwerfen und trainieren auch mit Profi Trainern.
Liegt es daran, dass ich schön langsam älter werde? - Oder haben die "sozialen Medien" a la Fb wirklich so einen eklatanten Einfluss auf unsere Gesellschaft, wie uns das von den Massenmedien immer wieder suggeriert wird? Jedenfalls hab ich den Eindruck, dass nicht nur "Weihnachten" immer früher in den Geschäften einzug hält, sondern dass auch unter uns Bergsteigern so manche sich immer eigenartiger benehmen. Fast ist man geneigt zu glauben, es geht nur noch darum, wer noch früher eine noch größere Skitour gemacht hat, wer am besten mitten in der Sommerhitze eine schwierige Eistour unternommen hat, inklusive Teletubie Filmchen und natürlich auf sämtlichen Kanälen gepostet.

Vorderer Gosausee, frischer Neuschnee im Hochgebirge

Wo bleibt der Hausverstand, die Eigenverantwortung? Wo das richtige Gspür dafür, welche Tour man wann am besten, also bei relativ sicheren Verhältnissen machen kann? Jetzt, mitten im Herbst, wo die Gletscher völlig blank und schneefrei geworden sind im vergangenen Sommer, und gerade die ersten kalten Pulverschneeschichten vom Wind über die Spalten gefegt wurden, fangen viele schon an mit ihren Skiern im Hochgebirge herumzurennen. Offenbar hat niemand von ihnen Angst in einer Gletscherspalte auf nimmer Wiedersehen zu verschwinden, oder gar von einer Grundlawine aus noch nicht "gesetztem" Schnee und bis zum blanken Grundeis, als perfekt rutschiger Gleitfläche, verschüttet zu werden.

Ich möchte hier eine Lanze brechen, eine Lanze für angepasste Tourenplanung.

Ist es wirklich so, dass kaum hat jemand von seiner ersten Skitour oder Eistour gepostet, -  "ich war erster!" -  andere ihre Skier schnappen und hinterher hecheln? Ist es wirklich so, dass viele Bergsteiger anstatt ihre Nase in die Natur halten, Informationen über die tatsächlichen Verhältnisse aufnehmen und Überlegen auf welchen Gipfel man als nächstes stehen will, ihr Tourenziel ohne nachdenken nach den Postings anderer auswählen?
Ich kann es nicht glauben, aber zumindest ein Teil unter uns Bergsteigern scheint in so einem Stil unterwegs zu sein. 

Es sollte doch jedem klar sein, dass nicht jener Bergsteiger der beste ist, der am frühesten im Jahr mit seinen Touren beginnt bzw. am meisten Touren am Ende der Saison gesammelt hat, sondern jener, der den jeweiligen Verhältnissen angpaßt und vor allem defensiv unterwegs ist.

Dienstag, 9. August 2016

Das liebe Geld und die Grenzen der Bergkameradschaft, "Double 8" Drama am Shisha Pangma


Vor rund zwei Jahren planten vier Bergsteiger eine Expedition der Superlative: Bei "Double 8" war es das Ziel zwei Achttausender innerhalb einer Woche by fair means, also mit Schiern und Moutainbike zu besteigen. Die beiden Achttausender Shisha Pangma und Cho Oyu werden öfters im Zuge einer einzigen Expedition hintereinander bestiegen, da sie relativ knapp beieinander liegen und logistisch einfach erreichbar sind. In der tibetischen Hochebene sind die beiden Basislager fast mit dem Jeep erreichbar, normalerweise allerdings nicht in einer derart knappen Zeitspanne.



Jasemba und Shisha Pangma vom L 3 am Cho Oyu (ca. 7400m)



Die Double 8 Expedition war riesig vermarktet, zeitgemäß mit Internet und "Echtzeit updates". Leider vereitelte das schlechte Wetter den planmäßigen Fortgang der Expedition, so endete ein erster Versuch im tiefen Neuschnee. Naturgemäß erzeugte diese Situation einen enormen selbst auferlegten Druck an die Expeditionsleitung bzw. die Vermarktungsmanager.

Natürlich ist man heutzutage auf kaum einem Berg am Normalweg alleine. So auch in jenem Herbst am Shisha Pangma. Mit am Berg war der Schweizer Profi Bergsteiger Ueli Steck, einer breiten Öffentlichkeit bekannt durch seine zahlreichen Speedrekorde durch Eiger- und Matterhorn Nordwand.

Durch mir nicht näher bekannte Umstände beschloss man im "Double 8 Team" nach dem mißglückten Versuch, den Schweizer Profi Steck ins Team zu holen. Dieser war eigentlich mit seiner Frau zu einer privaten Besteigung in Tibet, entschloss sich aber aufgrund der prekären Schneesituation auf eine "private Besteigung" mit seiner Frau zu verzichten. Statt dessen schloß er sich dem Team um die riesig vermarktete "Double 8" Expedition an. Irgendwie von außen betrachtet eine komische Entscheidung: war es nun aufgrund der Schneelage zu gefährlich, oder doch vertretbar einen Versuch zu wagen?

der Cho Oyu von Tibet
Jedenfalls beschlossen die nun fünf Bergsteiger einen zweiten Gipfelversuch. In der extremen Höhe von 7900 m, nur rund 100 m unter dem Gipfel kam es zur Tragödie. Eine riesige Lawine löste sich und riss drei der fünf Bergsteiger mit sich. Geschockt stiegen Steck und ein verbliebenes Mitglied der "Double 8" Mannschaft in tiefere Lager ab. Obwohl sie anscheinend auf dem Lawinenkegel einen leblos daliegenden Körper erkennen konnten, die anderen zwei aus dem Team waren offensichtlich total verschüttet.

Nach mehreren Stunden wachte der auf der Oberfläche des Lawinenkegels liegende Bergsteiger aus seiner Bewußtlosigkeit auf und schleppte sich schwer verletzt in das teilweise zerstörte oberste Lager. Später wurde er durch einen aufsteigenden Sherpa gerettet. Jetzt, nahezu zwei Jahre später erhebt er nun schwere Vorwürfe gegen seine Bergkameraden, dass sie ihn im Stich gelassen hätten.

technisch einfaches Gelände, aber extreme Höhe

Wie soll man sich nun als Aussenstehender zu den öffentlich in einem deutschen Hochglanz Bergmagazin geäußerten Vorwürfen eine Meinung bilden? Selbstverständlich ist es wichtig, Berichte von allen Seiten zu so einem Vorwurf zu lesen.

Klar ist für mich jedenfalls, dass es ein großes Problem darstellt, vor Ort ein eingespieltes Team zu verändern. Nur am Papier ändert sich nämlich dadurch lediglich die Anzahl der Teamteilnehmer. In Wirklichkeit verändert sich - vor allem durch Herinnahme eines "Ausnahme Athleten" bzw. "Stars" wie Steck - natürlich die Gruppendynamik völlig.  Aus einem eingespielten 2 x 2 Team wird durch eine ungerade Zahl plötzlich einer ein "drittes Rad am Wagen". Auch die athletischen Fähigkeiten bzw. die Risikotoleranz und Erfahrung sind nicht zu verachten bei der neuen Rollenverteilung im Team. Und das wirkt sich dann enorm auf die laufenden Entscheidungsprozesse am Berg aus.

Selbstverständlich ist bei so einer großen Tour allen Teilnehmern das Risiko bewußt und von vornherein klar, dass so was nicht ungefährlich ist.

Glück und Freude auf rund 7400 m

Ich war selber einige Male, auch bei großen Achttausender Expeditionen, mit ähnlichen elementaren Lawinen- und Gefahrensituationen konfrontiert. Selbstverständlich ist man selbst als abgebrühter Profibergsteiger nicht immun gegen einen solchen "Todesstress" und handelt oft nur noch instinktiv.

Ich finde die Darstellung von Ueli Steck auf seiner webseite

http://www.uelisteck.ch/de/item/59-grundsaetze-und-selbstverantwortung.html

zu dem Vorfall als grundehrlich und nachvollziehbar.

Auf der anderen Seite kann ich mich auch sehr gut in die Rolle von Martin Maier hinein versetzen, wenn ich mir vorstelle, wie sich die Gruppendynamik durch die Hereinnahme von Steck ins Team verändert haben muss. Trotzdem wirkt für mich die öffentliche Konfrontation über Medien mit seinen Teamkollegen irgendwie befremdend.


 http://bergsteiger.de/bergszene/interviews/martin-maier-vieles-ist-schlicht-gelogen

Übrig bleibt einfach ein schaler Nachgeschmack für alle Beteiligten. Hat das viele Geld (= riesige Vermarktung der Fa. Dynafit) für die Bergsteiger zu viel Stress verursacht? Hat die Vermarktung eventuell wichtige Entscheidungen beeinflußt? Oder war die Situation derart gefährlich, dass jeder nur noch seine eigene Haut retten wollte? Fest steht, dass man durch große Vermarktung hoch hinaus kommen kann, aber auch sehr tief fallen kann. Das Risiko und Druck sind jedenfalls groß, in vielerlei Hinsicht.

Für mich ist es selbstverständlich, dass kein Mensch seinen Freund absichtlich im Stich lassen wird, schon gar nicht in einer Notsituation am Berg. Fest steht auch, dass jeder Bergrettungseinsatz bei Gefahr für die Rettungsmannschaft selber selbstverständlich sofort abgebrochen werden muß!
Uelli Steck muss man  zu seiner Verteidigung zugute halten, dass er neben vielen anderen Situationen, auch am Achttausender Annapurna sogar ihm unbekannte Bergsteiger das Leben retten wollte. Er bekam für seinen selbstlosen Rettungseinsatz sogar den Prix Courage im Rahmen der "Piolet d Or" Preisvergabe.

Als sehr wichtig empfinde ich es, sich zur Beurteilung solcher Vorfälle in die Situation hinein zu versetzen. Natürlich ist das nicht jedem im nötigen Ausmaß möglich, umso vorsichtiger sollte man mit eventuellen Schuldzuweisungen sein. Vom "grünen Tisch" im warmen Zimmer erscheint eine Situation immer leichter zu beurteilen, als in Todesgefahr, wenn Steine und Lawinen um einen herum nieder gehen. Mit nachträglich erhaltenen Informationen und mit genügend Zeit und Distanz ist es oft (zu) leicht, etwas "Besser zu Wissen", bzw. theoretisch Entscheidungen zu treffen.

http://www.spiegel.de/sport/sonst/weltrekordversuch-himalaja-benedikt-boehm-und-sebastian-haag-starten-extremtour-a-991241.html

http://www.sueddeutsche.de/panorama/double-expedition-im-himalaya-zurueckgelassen-auf-ueber-metern-1.3063160?reduced=true

http://www.schweizamsonntag.ch/ressort/nachrichten/drama_in_der_todeszone/
 

Montag, 25. Juli 2016

Alpin Journal: Die Allmacht der Smartphones oder die Hörigkeit zu...

Alpin Journal: Die Allmacht der Smartphones oder die Hörigkeit zu...: Die Allmacht der Smartphones oder die Hörigkeit zum Wetterbericht - oder was Wetterberichte und Lawinenlageberichte gemeinsam haben ...

Die Allmacht der Smartphones oder die Hörigkeit zum Wetterbericht

Die Allmacht der Smartphones oder die Hörigkeit zum Wetterbericht
- oder was Wetterberichte und Lawinenlageberichte gemeinsam haben


Bergsteigen  ist in allen seinen mittlerweile hochspezialisierten Detaildisziplinen immer noch ein "Outdoor Sport". 

perfektes Bergwetter auf der Adlersruhe, Großglockner, Foto: Sepp Schiefer
Mir kommt vor, dass sich immer mehr Aktive dieser Tatsache nicht (mehr) bewußt sind. Mit glasigen Augen wird in die Smartphones gestarrt, gegoogelt und alles was dann rauskommt ohne nachdenken für bare Münze gehalten und in der Natur drauf los gerannt, bzw. einfach zu Hause geblieben.

Doch gerade beim Bergsteigen ist der wichtigste Muskel das Gehirn, wie einer der berühmtesten Kletterer aller Zeiten, Wolfgang Güllich, zu sagen pflegte. Man kann es auch einfacher formulieren: der Hausverstand ist nach wie vor gefordert!

Der Wetterbericht - gleich wie der Lawinenlagebericht sind beides P r o g n o s e n für die Zukunft, also keineswegs 100% ig zuverläßige Quellen!! Bitte nicht mißverstehen, trotzdem wichtige Grundlagen zur Tourenplanung, aber mit entsprechendem Stellenwert. Gerade da happert es aber dann bei vielen Aktiven Bergsportlern. Da werden eifrig farbige Tabellen verglichen, "Munter" Grade gerechnet und Piktogramme für bare Münze genommen. Und dann das Ergebnis 1 : 1 in die Natur übertragen, ohne dass die tatsächlich herrschenden Verhältnisse in der Schneedecke oder am Himmel mit einbezogen werden.

A b e r  - die Natur läßt sich auch im Zeitalter der Computer noch immer nicht 100 % ig genau berechnen oder vorhersagen!

Wichtigster Bestandteil dieser Schätzmethoden ist also immer noch das Gehirn. Es ist einfach notwendig den Wetterbericht auf Tour immer wieder zu verfizieren, also in der Natur nach checken, ob sich das Wetter auch so entwickelt wie vorhergesagt und dann halt entsprechend  zu agieren bzw. reagieren. 
Selbiges gilt natürlich im Winter für den Lawinenlagebericht. Das funktioniert natürlich nur mit entsprechender Ausbildung und Erfahrung. 

Abendstimmung am Gosaukamm, wie wird das Wetter morgen? Blick aus meinem Wohnzimmer

Auf die Idee zu diesem Beitrag kam ich, als ein user im fb eine Begehung der Super via ferrata am Dachstein postete, und das Wetter offenbar deutlich besser als angesagt war, eine gelungene Tour also. Viel interessanter als der sehr gute Bericht waren aber die verschiedenen Reaktionen der Mitleser. Daraus konnte man entnehmen, dass sich keiner die Mühe machte, die Bilder wirklich genau an zu sehen. Mehrheitlich wurde eine Begehung einer so langen Tour bei so schlechtem Wetterbericht verurteilt, ja man konnte fast schon von einem kleinen "Shitstorm" reden.

Was wäre gewesen, wenn die Situation umgekehrt gewesen wäre, der Wetterbericht eben perfekt auf "schön", und das Wetter allerdings viel schlechter, oder gar ein Unwetter im Anmarsch? Auch dann wäre der Bergsteiger eben genötigt, die Natur zu beobachten und seinen Hausverstand ein zu schalten und dann eben entsprechend zu reagieren. 

wenn der Sturm mal da ist, brauchst keinen Wetterbericht mehr. 5300 m am Denali, Alaska

Fazit an dieser Stelle, bitte liebe Bergsteiger Kollegen, schaltet bei Aufnahme von Informationen auch euer Gehirn ein! Der Hausverstand ist beim Bergsteigen nach wie vor der wichtigste Ausrüstungsgegenstand. Die beste Ausrüstung und das schönste, schnellste, coolste Smartphone kann die Natur noch immer nicht vorausberechnen! Mit ensprechender Planung und Beobachtung kann man bei fast jedem Wetter am Berg unterwegs sein.

Sonntag, 17. Juli 2016

Alpin Journal: "Das kurze Seil" - Gedanken zum Unfall von Noppa

Alpin Journal: "Das kurze Seil" - Gedanken zum Unfall von Noppa: Auch auf die Gefahr hin schon wieder über Negatives vom Bergsteigen zu Berichten, halte ich es doch für wichtig und interessant, den Unfall ...

"Das kurze Seil" - Gedanken zum Unfall von Noppa

Auch auf die Gefahr hin schon wieder über Negatives vom Bergsteigen zu Berichten, halte ich es doch für wichtig und interessant, den Unfall eines der erfahrensten Bergführers überhaupt, Norbert "Noppa" Joos, zu hinterfragen.

Gehen am kurzen Seil am Großglockner, Bild Schiefer

Noppa war mit zwei Gästen über den Bianco Grat auf den Piz Bernina gestiegen. Beim Abstieg über den Spallagrat dürfte einer der Gäste gestolpert sein, alle drei Mitglieder stürzten ab. Der Bergführer fand tragischer Weise den Tod, die Gäste überlebten den Absturz. Offensichtlich waren die drei Bergsteiger am "Kurzen Seil" im Abstieg unterwegs und es gab somit einen typischen Mitreissunfall.

Schon vor vielen Jahren hat der deutsche Unfallforscher Pit Schubert verschiedene Tests zu Unfällen mit dem Seil auf Schnee und in Firnflanken veröffentlicht. Sinngemäß kam man schon damals zur Erkenntnis, dass es auf verhältnismäßig flachem Terrain, relativ unabhängig von der Art der Bekleidung, schon nach kurzer Strecke zu einer extrem hohen Rutschgeschwindigkeit kommt. Je nach Härte der Oberfläche können rund 80 oder 90 % der Geschwindigkeit des freien Falles erreicht werden.
Unterwegs auf der Mt Blanc Überschreitung, einger typischen Tour mit Gehen am kurzen Seil

Eine rege Diskussion über Mitreissunfälle am Seil in steilen Schnee und Firnflanken war die Folge. Konklusio der damaligen Diskussion war dann eine Empfehlung, als "Gelegenheitsbergsteiger" in steilen Schneehängen generell auf das Kurze Seil zu verzichten.

Warum wird die Technik des "Gehens am kurzen Seil" von Profi Bergführern nach wie vor angewendet? Wie der Unfall von Noppa zeigt, sind auch super erfahrene Profis von Unfällen dieser Art offenbar leider nicht gefeit.

Um die Seiltechnik "Gehen am kurzen Seil" wirklich beurteilen zu können, ist natürlich eine gründliche Analyse derselben notwendig.

Die Nachteile sind offenkundig, ist der Bergführer nur einen Augenblick  unkonzentriert und fällt der Gesicherte erst mal vollständig, ist ein Halten des Sturzes kaum möglich. Einmal in der Sturzbahn kommt es immer dann, wenn einer der Seilschaft den Sturz bremsen (Halten) könnte, durch ruckartiges Spannen des Seiles zu einem "Schnepf - Effekt" und damit zu einer Beschleunigung des Sturzes der ganzen Seilschaft.
Einzig eine sofortige Reaktion des Sichernden durch Zug am Seil während der Abstürzende noch im labilen Gleichgewicht ist, kann einen Sturz verhindern. Eine Ausnahme bildet ein eher flacher Hang mit weichem Schnee, wo man durch "Mitlaufen und anschließendem langsamen Abbremsen" eine Chance hat, den Sturz zu halten.
Gehen am kurzen Seil wird auch in leichtem Felsgelände praktiziert

Über die Vorteile dieser gefährlichen Seiltechnik wird allerdings kaum wo berichtet. Das Seil bietet nämlich auch eine riesige "moralische" Sicherheit. Viele Bergsteiger sind mental nicht so stark, dass sie Firngrate oder ausgesetzte Stellen sicher seilfrei begehen können. Die Furcht läßt sie zögerlich und extrem unsicher agieren. Das Vertrauen in einen Bergführer und in das Seil verwandelt solche Menschen plötzlich. Auf einmal sind diese in der Lage, ohne zögern und problemlos Stellen zu meistern, die sie zuvor als unmölich zu begehen eingestuft hätten. Auch ist es bei der Länge vieler Bergtouren gar nicht möglich, Seillängenweise zu sichern, man würde dann für solche Touren tagelang unterwegs sein.

Somit gehört das "Gehen am kurzen Seil" zur täglichen Arbeit vieler Bergführer, wobei wir uns selbstverständlich den Gefahren dieser Seiltechnik bewußt sind. Für mich zeigt der Unfall von Noppa, wie wichtig es ist, immer wieder sehr sorgfältig abzuwägen, ob es nicht sicherer wäre, auf das Seil in der jeweiligen Situation völlig zu verzichten. Und ja, der Unfall zeigt auch auf, wie wichtig es ist, immer wieder das Sichern  am kurzen Seil zu trainieren. Für Leute (Bergführer und nicht Bergführer), die nicht ein entsprechendes regelmäßigs Training in dieser speziellen Sicherungsart haben, sollte es klar sein, im Fall des Falles lieber seilfrei unterwegs zu sein.

http://www.nzz.ch/panorama/bergunfall-am-piz-bernina-buendner-bergsteiger-norbert-joos-toedlich-verunglueckt-ld.105062

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/schweiz-bergsteiger-norbert-joos-stuerzt-in-den-tod-a-1102423.html

http://www.blick.ch/news/schweiz/graubuenden/seine-italienischen-gaeste-ueberlebten-buendner-bergfuehrer-55-stirbt-am-bernina-id5249414.html

http://www.alpin.de/home/news/10805/artikel_norbert_joos_toedlich_verunglueckt.html

http://www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_78374528/schweizer-bergsteiger-norbert-joos-im-engadin-in-den-tod-gestuerzt-.html