Dienstag, 9. August 2016

Das liebe Geld und die Grenzen der Bergkameradschaft, "Double 8" Drama am Shisha Pangma


Vor rund zwei Jahren planten vier Bergsteiger eine Expedition der Superlative: Bei "Double 8" war es das Ziel zwei Achttausender innerhalb einer Woche by fair means, also mit Schiern und Moutainbike zu besteigen. Die beiden Achttausender Shisha Pangma und Cho Oyu werden öfters im Zuge einer einzigen Expedition hintereinander bestiegen, da sie relativ knapp beieinander liegen und logistisch einfach erreichbar sind. In der tibetischen Hochebene sind die beiden Basislager fast mit dem Jeep erreichbar, normalerweise allerdings nicht in einer derart knappen Zeitspanne.



Jasemba und Shisha Pangma vom L 3 am Cho Oyu (ca. 7400m)



Die Double 8 Expedition war riesig vermarktet, zeitgemäß mit Internet und "Echtzeit updates". Leider vereitelte das schlechte Wetter den planmäßigen Fortgang der Expedition, so endete ein erster Versuch im tiefen Neuschnee. Naturgemäß erzeugte diese Situation einen enormen selbst auferlegten Druck an die Expeditionsleitung bzw. die Vermarktungsmanager.

Natürlich ist man heutzutage auf kaum einem Berg am Normalweg alleine. So auch in jenem Herbst am Shisha Pangma. Mit am Berg war der Schweizer Profi Bergsteiger Ueli Steck, einer breiten Öffentlichkeit bekannt durch seine zahlreichen Speedrekorde durch Eiger- und Matterhorn Nordwand.

Durch mir nicht näher bekannte Umstände beschloss man im "Double 8 Team" nach dem mißglückten Versuch, den Schweizer Profi Steck ins Team zu holen. Dieser war eigentlich mit seiner Frau zu einer privaten Besteigung in Tibet, entschloss sich aber aufgrund der prekären Schneesituation auf eine "private Besteigung" mit seiner Frau zu verzichten. Statt dessen schloß er sich dem Team um die riesig vermarktete "Double 8" Expedition an. Irgendwie von außen betrachtet eine komische Entscheidung: war es nun aufgrund der Schneelage zu gefährlich, oder doch vertretbar einen Versuch zu wagen?

der Cho Oyu von Tibet
Jedenfalls beschlossen die nun fünf Bergsteiger einen zweiten Gipfelversuch. In der extremen Höhe von 7900 m, nur rund 100 m unter dem Gipfel kam es zur Tragödie. Eine riesige Lawine löste sich und riss drei der fünf Bergsteiger mit sich. Geschockt stiegen Steck und ein verbliebenes Mitglied der "Double 8" Mannschaft in tiefere Lager ab. Obwohl sie anscheinend auf dem Lawinenkegel einen leblos daliegenden Körper erkennen konnten, die anderen zwei aus dem Team waren offensichtlich total verschüttet.

Nach mehreren Stunden wachte der auf der Oberfläche des Lawinenkegels liegende Bergsteiger aus seiner Bewußtlosigkeit auf und schleppte sich schwer verletzt in das teilweise zerstörte oberste Lager. Später wurde er durch einen aufsteigenden Sherpa gerettet. Jetzt, nahezu zwei Jahre später erhebt er nun schwere Vorwürfe gegen seine Bergkameraden, dass sie ihn im Stich gelassen hätten.

technisch einfaches Gelände, aber extreme Höhe

Wie soll man sich nun als Aussenstehender zu den öffentlich in einem deutschen Hochglanz Bergmagazin geäußerten Vorwürfen eine Meinung bilden? Selbstverständlich ist es wichtig, Berichte von allen Seiten zu so einem Vorwurf zu lesen.

Klar ist für mich jedenfalls, dass es ein großes Problem darstellt, vor Ort ein eingespieltes Team zu verändern. Nur am Papier ändert sich nämlich dadurch lediglich die Anzahl der Teamteilnehmer. In Wirklichkeit verändert sich - vor allem durch Herinnahme eines "Ausnahme Athleten" bzw. "Stars" wie Steck - natürlich die Gruppendynamik völlig.  Aus einem eingespielten 2 x 2 Team wird durch eine ungerade Zahl plötzlich einer ein "drittes Rad am Wagen". Auch die athletischen Fähigkeiten bzw. die Risikotoleranz und Erfahrung sind nicht zu verachten bei der neuen Rollenverteilung im Team. Und das wirkt sich dann enorm auf die laufenden Entscheidungsprozesse am Berg aus.

Selbstverständlich ist bei so einer großen Tour allen Teilnehmern das Risiko bewußt und von vornherein klar, dass so was nicht ungefährlich ist.

Glück und Freude auf rund 7400 m

Ich war selber einige Male, auch bei großen Achttausender Expeditionen, mit ähnlichen elementaren Lawinen- und Gefahrensituationen konfrontiert. Selbstverständlich ist man selbst als abgebrühter Profibergsteiger nicht immun gegen einen solchen "Todesstress" und handelt oft nur noch instinktiv.

Ich finde die Darstellung von Ueli Steck auf seiner webseite

http://www.uelisteck.ch/de/item/59-grundsaetze-und-selbstverantwortung.html

zu dem Vorfall als grundehrlich und nachvollziehbar.

Auf der anderen Seite kann ich mich auch sehr gut in die Rolle von Martin Maier hinein versetzen, wenn ich mir vorstelle, wie sich die Gruppendynamik durch die Hereinnahme von Steck ins Team verändert haben muss. Trotzdem wirkt für mich die öffentliche Konfrontation über Medien mit seinen Teamkollegen irgendwie befremdend.


 http://bergsteiger.de/bergszene/interviews/martin-maier-vieles-ist-schlicht-gelogen

Übrig bleibt einfach ein schaler Nachgeschmack für alle Beteiligten. Hat das viele Geld (= riesige Vermarktung der Fa. Dynafit) für die Bergsteiger zu viel Stress verursacht? Hat die Vermarktung eventuell wichtige Entscheidungen beeinflußt? Oder war die Situation derart gefährlich, dass jeder nur noch seine eigene Haut retten wollte? Fest steht, dass man durch große Vermarktung hoch hinaus kommen kann, aber auch sehr tief fallen kann. Das Risiko und Druck sind jedenfalls groß, in vielerlei Hinsicht.

Für mich ist es selbstverständlich, dass kein Mensch seinen Freund absichtlich im Stich lassen wird, schon gar nicht in einer Notsituation am Berg. Fest steht auch, dass jeder Bergrettungseinsatz bei Gefahr für die Rettungsmannschaft selber selbstverständlich sofort abgebrochen werden muß!
Uelli Steck muss man  zu seiner Verteidigung zugute halten, dass er neben vielen anderen Situationen, auch am Achttausender Annapurna sogar ihm unbekannte Bergsteiger das Leben retten wollte. Er bekam für seinen selbstlosen Rettungseinsatz sogar den Prix Courage im Rahmen der "Piolet d Or" Preisvergabe.

Als sehr wichtig empfinde ich es, sich zur Beurteilung solcher Vorfälle in die Situation hinein zu versetzen. Natürlich ist das nicht jedem im nötigen Ausmaß möglich, umso vorsichtiger sollte man mit eventuellen Schuldzuweisungen sein. Vom "grünen Tisch" im warmen Zimmer erscheint eine Situation immer leichter zu beurteilen, als in Todesgefahr, wenn Steine und Lawinen um einen herum nieder gehen. Mit nachträglich erhaltenen Informationen und mit genügend Zeit und Distanz ist es oft (zu) leicht, etwas "Besser zu Wissen", bzw. theoretisch Entscheidungen zu treffen.

http://www.spiegel.de/sport/sonst/weltrekordversuch-himalaja-benedikt-boehm-und-sebastian-haag-starten-extremtour-a-991241.html

http://www.sueddeutsche.de/panorama/double-expedition-im-himalaya-zurueckgelassen-auf-ueber-metern-1.3063160?reduced=true

http://www.schweizamsonntag.ch/ressort/nachrichten/drama_in_der_todeszone/
 

Montag, 25. Juli 2016

Alpin Journal: Die Allmacht der Smartphones oder die Hörigkeit zu...

Alpin Journal: Die Allmacht der Smartphones oder die Hörigkeit zu...: Die Allmacht der Smartphones oder die Hörigkeit zum Wetterbericht - oder was Wetterberichte und Lawinenlageberichte gemeinsam haben ...

Die Allmacht der Smartphones oder die Hörigkeit zum Wetterbericht

Die Allmacht der Smartphones oder die Hörigkeit zum Wetterbericht
- oder was Wetterberichte und Lawinenlageberichte gemeinsam haben


Bergsteigen  ist in allen seinen mittlerweile hochspezialisierten Detaildisziplinen immer noch ein "Outdoor Sport". 

perfektes Bergwetter auf der Adlersruhe, Großglockner, Foto: Sepp Schiefer
Mir kommt vor, dass sich immer mehr Aktive dieser Tatsache nicht (mehr) bewußt sind. Mit glasigen Augen wird in die Smartphones gestarrt, gegoogelt und alles was dann rauskommt ohne nachdenken für bare Münze gehalten und in der Natur drauf los gerannt, bzw. einfach zu Hause geblieben.

Doch gerade beim Bergsteigen ist der wichtigste Muskel das Gehirn, wie einer der berühmtesten Kletterer aller Zeiten, Wolfgang Güllich, zu sagen pflegte. Man kann es auch einfacher formulieren: der Hausverstand ist nach wie vor gefordert!

Der Wetterbericht - gleich wie der Lawinenlagebericht sind beides P r o g n o s e n für die Zukunft, also keineswegs 100% ig zuverläßige Quellen!! Bitte nicht mißverstehen, trotzdem wichtige Grundlagen zur Tourenplanung, aber mit entsprechendem Stellenwert. Gerade da happert es aber dann bei vielen Aktiven Bergsportlern. Da werden eifrig farbige Tabellen verglichen, "Munter" Grade gerechnet und Piktogramme für bare Münze genommen. Und dann das Ergebnis 1 : 1 in die Natur übertragen, ohne dass die tatsächlich herrschenden Verhältnisse in der Schneedecke oder am Himmel mit einbezogen werden.

A b e r  - die Natur läßt sich auch im Zeitalter der Computer noch immer nicht 100 % ig genau berechnen oder vorhersagen!

Wichtigster Bestandteil dieser Schätzmethoden ist also immer noch das Gehirn. Es ist einfach notwendig den Wetterbericht auf Tour immer wieder zu verfizieren, also in der Natur nach checken, ob sich das Wetter auch so entwickelt wie vorhergesagt und dann halt entsprechend  zu agieren bzw. reagieren. 
Selbiges gilt natürlich im Winter für den Lawinenlagebericht. Das funktioniert natürlich nur mit entsprechender Ausbildung und Erfahrung. 

Abendstimmung am Gosaukamm, wie wird das Wetter morgen? Blick aus meinem Wohnzimmer

Auf die Idee zu diesem Beitrag kam ich, als ein user im fb eine Begehung der Super via ferrata am Dachstein postete, und das Wetter offenbar deutlich besser als angesagt war, eine gelungene Tour also. Viel interessanter als der sehr gute Bericht waren aber die verschiedenen Reaktionen der Mitleser. Daraus konnte man entnehmen, dass sich keiner die Mühe machte, die Bilder wirklich genau an zu sehen. Mehrheitlich wurde eine Begehung einer so langen Tour bei so schlechtem Wetterbericht verurteilt, ja man konnte fast schon von einem kleinen "Shitstorm" reden.

Was wäre gewesen, wenn die Situation umgekehrt gewesen wäre, der Wetterbericht eben perfekt auf "schön", und das Wetter allerdings viel schlechter, oder gar ein Unwetter im Anmarsch? Auch dann wäre der Bergsteiger eben genötigt, die Natur zu beobachten und seinen Hausverstand ein zu schalten und dann eben entsprechend zu reagieren. 

wenn der Sturm mal da ist, brauchst keinen Wetterbericht mehr. 5300 m am Denali, Alaska

Fazit an dieser Stelle, bitte liebe Bergsteiger Kollegen, schaltet bei Aufnahme von Informationen auch euer Gehirn ein! Der Hausverstand ist beim Bergsteigen nach wie vor der wichtigste Ausrüstungsgegenstand. Die beste Ausrüstung und das schönste, schnellste, coolste Smartphone kann die Natur noch immer nicht vorausberechnen! Mit ensprechender Planung und Beobachtung kann man bei fast jedem Wetter am Berg unterwegs sein.

Sonntag, 17. Juli 2016

Alpin Journal: "Das kurze Seil" - Gedanken zum Unfall von Noppa

Alpin Journal: "Das kurze Seil" - Gedanken zum Unfall von Noppa: Auch auf die Gefahr hin schon wieder über Negatives vom Bergsteigen zu Berichten, halte ich es doch für wichtig und interessant, den Unfall ...

"Das kurze Seil" - Gedanken zum Unfall von Noppa

Auch auf die Gefahr hin schon wieder über Negatives vom Bergsteigen zu Berichten, halte ich es doch für wichtig und interessant, den Unfall eines der erfahrensten Bergführers überhaupt, Norbert "Noppa" Joos, zu hinterfragen.

Gehen am kurzen Seil am Großglockner, Bild Schiefer

Noppa war mit zwei Gästen über den Bianco Grat auf den Piz Bernina gestiegen. Beim Abstieg über den Spallagrat dürfte einer der Gäste gestolpert sein, alle drei Mitglieder stürzten ab. Der Bergführer fand tragischer Weise den Tod, die Gäste überlebten den Absturz. Offensichtlich waren die drei Bergsteiger am "Kurzen Seil" im Abstieg unterwegs und es gab somit einen typischen Mitreissunfall.

Schon vor vielen Jahren hat der deutsche Unfallforscher Pit Schubert verschiedene Tests zu Unfällen mit dem Seil auf Schnee und in Firnflanken veröffentlicht. Sinngemäß kam man schon damals zur Erkenntnis, dass es auf verhältnismäßig flachem Terrain, relativ unabhängig von der Art der Bekleidung, schon nach kurzer Strecke zu einer extrem hohen Rutschgeschwindigkeit kommt. Je nach Härte der Oberfläche können rund 80 oder 90 % der Geschwindigkeit des freien Falles erreicht werden.
Unterwegs auf der Mt Blanc Überschreitung, einger typischen Tour mit Gehen am kurzen Seil

Eine rege Diskussion über Mitreissunfälle am Seil in steilen Schnee und Firnflanken war die Folge. Konklusio der damaligen Diskussion war dann eine Empfehlung, als "Gelegenheitsbergsteiger" in steilen Schneehängen generell auf das Kurze Seil zu verzichten.

Warum wird die Technik des "Gehens am kurzen Seil" von Profi Bergführern nach wie vor angewendet? Wie der Unfall von Noppa zeigt, sind auch super erfahrene Profis von Unfällen dieser Art offenbar leider nicht gefeit.

Um die Seiltechnik "Gehen am kurzen Seil" wirklich beurteilen zu können, ist natürlich eine gründliche Analyse derselben notwendig.

Die Nachteile sind offenkundig, ist der Bergführer nur einen Augenblick  unkonzentriert und fällt der Gesicherte erst mal vollständig, ist ein Halten des Sturzes kaum möglich. Einmal in der Sturzbahn kommt es immer dann, wenn einer der Seilschaft den Sturz bremsen (Halten) könnte, durch ruckartiges Spannen des Seiles zu einem "Schnepf - Effekt" und damit zu einer Beschleunigung des Sturzes der ganzen Seilschaft.
Einzig eine sofortige Reaktion des Sichernden durch Zug am Seil während der Abstürzende noch im labilen Gleichgewicht ist, kann einen Sturz verhindern. Eine Ausnahme bildet ein eher flacher Hang mit weichem Schnee, wo man durch "Mitlaufen und anschließendem langsamen Abbremsen" eine Chance hat, den Sturz zu halten.
Gehen am kurzen Seil wird auch in leichtem Felsgelände praktiziert

Über die Vorteile dieser gefährlichen Seiltechnik wird allerdings kaum wo berichtet. Das Seil bietet nämlich auch eine riesige "moralische" Sicherheit. Viele Bergsteiger sind mental nicht so stark, dass sie Firngrate oder ausgesetzte Stellen sicher seilfrei begehen können. Die Furcht läßt sie zögerlich und extrem unsicher agieren. Das Vertrauen in einen Bergführer und in das Seil verwandelt solche Menschen plötzlich. Auf einmal sind diese in der Lage, ohne zögern und problemlos Stellen zu meistern, die sie zuvor als unmölich zu begehen eingestuft hätten. Auch ist es bei der Länge vieler Bergtouren gar nicht möglich, Seillängenweise zu sichern, man würde dann für solche Touren tagelang unterwegs sein.

Somit gehört das "Gehen am kurzen Seil" zur täglichen Arbeit vieler Bergführer, wobei wir uns selbstverständlich den Gefahren dieser Seiltechnik bewußt sind. Für mich zeigt der Unfall von Noppa, wie wichtig es ist, immer wieder sehr sorgfältig abzuwägen, ob es nicht sicherer wäre, auf das Seil in der jeweiligen Situation völlig zu verzichten. Und ja, der Unfall zeigt auch auf, wie wichtig es ist, immer wieder das Sichern  am kurzen Seil zu trainieren. Für Leute (Bergführer und nicht Bergführer), die nicht ein entsprechendes regelmäßigs Training in dieser speziellen Sicherungsart haben, sollte es klar sein, im Fall des Falles lieber seilfrei unterwegs zu sein.

http://www.nzz.ch/panorama/bergunfall-am-piz-bernina-buendner-bergsteiger-norbert-joos-toedlich-verunglueckt-ld.105062

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/schweiz-bergsteiger-norbert-joos-stuerzt-in-den-tod-a-1102423.html

http://www.blick.ch/news/schweiz/graubuenden/seine-italienischen-gaeste-ueberlebten-buendner-bergfuehrer-55-stirbt-am-bernina-id5249414.html

http://www.alpin.de/home/news/10805/artikel_norbert_joos_toedlich_verunglueckt.html

http://www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_78374528/schweizer-bergsteiger-norbert-joos-im-engadin-in-den-tod-gestuerzt-.html

Donnerstag, 30. Juni 2016

Alpin Journal: Gedanken zur "Fatalen Heldenliteratur", einem Arti...

Alpin Journal: Gedanken zur "Fatalen Heldenliteratur", einem Arti...: In der letzten Ausgabe des AV Mitgliedermagazines Bergauf 03/2016 erschien ein interessantes, sehr gut gestaltetes Interview mit dem Autor M...

Gedanken zur "Fatalen Heldenliteratur", einem Artikel im letzten Bergauf des AV

In der letzten Ausgabe des AV Mitgliedermagazines Bergauf 03/2016 erschien ein interessantes, sehr gut gestaltetes Interview mit dem Autor Manfred Ruoß über dessen Buch "Zwischen Flow und Narzissmus"

zerstörtes Camp in der Antarktis, hier kommt es auf Teamarbeit und "Leistungsdenken" an!

In der Einleitung zum Interview wird darauf hingewiesen, dass der Autor "...die Heldenverehrung von Extremen fatal findet, vor allem die Zusammenarbeit vieler Profis mit der Wirtschaft für die Gesellschaft negativ sei"

In seinem Buch beschäftigte sich der Autor aus der Ferne mit Psychogrammen von "Profi Bergsteigern" wie Steve House, Ueli Steck, Gerlinde Kaltenbrunner uva.

Zunächst finde ich Bücher über den "Hintergrund" von Bergsteigern generell sehr interessant. So auch die Thematik von Herrn Ruoß in Bezug auf Bergsteiger. Dabei ist aber mein Eindruck, dass der Autor mit einer negativen Wertung der Bergprofis "rüberkommt", ohne diese vorher überhaupt definiert zu haben.

ein lang gehegtes Ziel zu erreichen ist sehr wohl ein nützlicher Faktor für die Gesellschaft

Erstens: Wer ist überhaupt ein Profi? Es gibt neben Bergsteigern mit "alpinen Rekorden", die davon leben ihre Rekorde zu vermarkten, noch eine ganze Reihe anderer Profis beim Bergsteigen. Zum Beispiel Bergfilmer. Robert Schauer aus Graz etwa zeigt schon seit über 30 Jahren mit seinem erfolgreichen und international sehr renommierten Bergfilmfestival in Graz, dass man auch von Bergfilmen leben kann, also Profi sein kann.

Bekannte Bergfotografen, wie etwa Herbert Raffalt aus Haus im Ennstal oder international bekannte Persönlichkeiten wie Heinz Zack, und viele andere, kann man getrost als Profi Bergsteiger bezeichnen, da sie ja über den Umweg der Fotografie hauptberuflich vom Bergsteigen leben.

Last but not least sind selbstverständlich tausende Bergführer als Profi Bergsteiger zu bezeichnen. Ich lebe schon seit meiner Studienzeit hauptberuflich vom Bergsteigen, bin also Profi Bergsteiger.

Zweitens: auf die erste Frage im  Interview in den Bergwelten auf Seite 37 antwortet Herr Ruoß wie es zu seinem Buch kam, sinngemäß er lese seit Jahrzehnten diese alpine Heldenliteratur. Eine genaue Bezeichnung folgt jedoch nicht!

Ich teile die Meinung von Ueli Steck völlig, dass es nicht seriös sei, aus der Ferne, über das Studium nicht näher bezeichneter Literatur, Personen zu analysieren. Noch dazu als ausgebildeter Psychologe. Das Interview des Autors vermittelt für mich nur eine wirre Ansammlung von Vorurteilen.
nicht zuletzt hat auch das Reisen im Zusammenhang mit Bergsteigen einen wichtigen Stellenwert für die Gesellschaft

Drittens: Der Bogen, den der Autor Ruoß von den Profi Bergsteigern zur Wirtschaft spannt, ist völlig überspannt, im wahrsten Sinn des Wortes. Schon im ersten Absatz beurteilt er die Zusammenarbeit zwischen Profi Bergsteigern mit der Wirtschaft als negativ. Wie das? Ohne zu definieren, was er unter Profi Bergsteigern versteht, ohne zu definieren welche Art von Zusammenarbeit von Profis zur Wirtschaft er meint?
Ich arbeite schon seit Jahren mit unserer Firma Peak e motion sehr erfolgreich mit diversen Firmen zusammen. Naturgemäß geht es dabei um Führen von Menschen in außergewöhnlicher Umgebung, oft unter Risiko, und Führen von Menschen in der Wirtschaft, wo sehr wohl auch immer wieder ungewöhnliche Umstände auftreten.....

Es arbeiten dutzende, wenn nicht hunderte mehr oder weniger professionelle Bergsteiger sehr zum Wohle der Allgemeinheit mit Vertretern der  Wirtschaft zusammen. Ich denke da etwa nur an diverse Entwicklungsarbeit für Ausrüstungsfirmen, oder die gesamte "Industrie" der Berg- und Wanderführer, selbstverständlich mit professionellem Einsatz und selbstverständlich sehr zum Wohle der Tourismus Industrie.

Viertens: Nicht zuletzt versteigt sich der Psychologe und Autor Ruoß in die Behauptung, dass Profi Bergsteiger sehr viel Geld von Vertretern der Wirtschaft erhalten. Offensichtlich hat er ungenügend oder überhaupt nicht recherchiert. Man müßte für diese Behauptung ja auch wieder definieren, was sehr viel Geld überhaupt ist. Jedenfalls übersteigt das Einkommen eines in der Regionalliga tätigen Fußballers das Einkommen der meisten Profi Bergsteiger um Dimensionen, selbstverständlich bei völlig anderem Einsatz an Energie und Risiko.

Fünftens: Selbst wenn ich mich auf die Profis im Risiko Bereich des Bergsteigens beschränke, denke ich keinesfalls, dass ihr Wirken auf die Gesellschaft nur negativ zu beurteilen ist. Wie so viele Dinge, hat auch diese Medaille zwei Seiten. Neben dem unbestrittenen Erobern des Unnützen, stehen viele  - oft auf den ersten Blick nicht zu sehende - nützliche Dinge für die Allgemeinheit.
Ich denke da an die Parallele von Forschern in der Wissenschaft zu Forschern in der Natur bzw. auf Expeditionen, neue und ungwöhnliche Wege zu gehen. Oder hier wie da die Parallele als Aussenseiter der Gesellschaft irgendwann, irgendwie trotzdem ein neues Ziel zu erreichen. Im Bereich der Bergführer Profis ist der Nutzen für die Gesellschaft sowieso sofort als extrem positiv zu beurteilen. Wie viele Unfälle oder Verirrte würde es ohne professioneller Ausbildung durch Profi Bergführer geben? Millionen Urlauber kommen entspannt von ihren Bergurlauben mit Profi Bergführern zurück an ihren Arbeitsplatz und können wieder voll motiviert ihrer Aufgabe nachgehen!

Nicht zuletzt sei noch der Leistungsgedanke angesprochen. Selbst Herr Ruoß billigt dem Freizeitbergsteigen, wie er selber es betreibt, positive Aspekte zu. Ich persönlich finde, dass der Leistungsgedanke sehr wohl oftmals auch zum Bergsteigen dazu gehört. Sei es jetzt, dass ich mich selbst in meiner Leistung steigere, indem ich ein persönlich gestecktes Ziel, einen besonderen Gipfel erreiche, oder auch indem ich einen entfernten Gipfel oder eine unbekannte Wand mit meinen Freunden oder Gästen besteige.
Ohne Leistungsdenken würde unsere Gesellschaft inklusive Industrie oder auch die vielen kleinen Gewerbebetriebe im Lande "schön ausschauen"!!

Alles in Allem beurteile ich das Buch von Herrn Ruoß über die Psychologie von Profis am Berg als sehr einseitig, plakativ und vor allem im Bezug auf Profi und Bergsteigen schlecht fundiert.