Freitag, 13. Januar 2017

Alpin Journal: Praktische Lawineneinschätzung durch Kompensations...

Alpin Journal: Praktische Lawineneinschätzung durch Kompensations...: Praktische Lawineneinschätzung durch Kompensationsmethode oder ein Plädoyer für Hausverstand und Eigenverantwortung, Teil 2 Wie i...

Praktische Lawineneinschätzung durch Kompensationsmethode oder ein Plädoyer für Hausverstand und Eigenverantwortung



Praktische Lawineneinschätzung durch Kompensationsmethode
oder ein Plädoyer für Hausverstand und Eigenverantwortung, Teil 2

Wie in Teil 1 bereits beschrieben sind die heute gängigen Methoden zur Beurteilung der Lawinengefahr für Schneesportler ungenügend. Alle benötigen als Input den LLB, der aber laut eigener Auskunft der Ersteller in ca. 25 % der Fälle falsch ist. Daher kann auch das Ergebnis dieser Beurteilungsmethoden nicht wirklich zufriedenstellend sein. 


Ernstfall Lawine!


Die Forschung bzw. Wissenschaft versucht sich immer tiefer in die Materie Schnee und Lawinenkunde zu vergraben, wobei allerdings für den Praktiker, der draußen mit seinen Skiern unterwegs ist, keine Fortschritte zu bemerken sind. Eher im Gegenteil, je mehr man sich mit der Wissenschaft des Schnees und der Lawinen beschäftigt, umso komplexer, unübersichtlicher und unlösbarer wird das Problem der Einschätzung der Gefahr. Es handelt sich hier um ein gängiges Problem in der Wissenschaft, auch z. B. bei der Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Je mehr „Daten“ man kreiert, umso länger und schlechter wird selbst mit den besten Computern der Welt das Ergebnis der berechneten Modelle. 

Wenn man zum Beispiel analysiert, wie viele Daten das menschliche Gehirn verarbeiten müsste, um nur auf einem unebenen Boden ohne zu schwanken gehen zu können, so kommt man bald an Grenzen.(Datenmenge, Berechnungszeit) Unser Gehirn „generalisiert“ (reduziert) die benötigten Daten, ähnlich wie wir es von der Erstellung von Landkarten kennen. Es werden nur die allernotwendigsten Basisdaten verarbeitet. Der Rest wird durch Adaption und Wiedererkennung von schon vorhandenen Mustern erarbeitet, also einer Form der Alltagsintuition.

Um nun in der Lawineneinschätzung weiter zu kommen, hilft nur ein radikales Umdenken. Wir benötigen eine Strategie, die völlig unabhängig vom aktuellen LLB funktioniert und die so einfach ist, dass wir draußen auf Tour zu einem befriedigenden Ergebnis kommen können. Also keine konkret - perfekte ja/nein Entscheidung, aber eine Einschätzung der Gefahr, die ein bestmögliches Ergebnis liefert. Dabei nehmen wir bewusst in Kauf, dass es eben ein gewisses Quantum Restrisiko immer geben wird. – Das ist ja auch mit den besten Rechenmethoden nicht aus zu schließen, und es liegt in der Natur von jeder „Schätzung“

In der Entscheidungstheorie gibt es ein Verfahren, das bei komplexen Problemen bestmögliche Ergebnisse liefert. Vor allem wenn wenig konkrete Daten für eine eindeutige Entscheidung zur Verfügung stehen. Dabei handelt es sich um die „Weniger ist Mehr“, bzw. „Take the best“ Methode. Dabei wird bei einem Problem der Input an Daten drastisch reduziert. Man arbeitet nur noch mit den wesentlichen, nach einer Einschätzung am wichtigsten für das Problem relevanten Daten. Alles Andere wird einfach weg gelassen.
Unbeschwerter Tiefschnee Genuß


Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass bei einer Vielzahl an komplexen Problemstellungen, diese stark vereinfachten Schätzmethoden ein ausgezeichnetes Ergebnis liefern. Vor allem bei Prognosen, also Aussagen über Problemstellungen in der Zukunft. Ergebnisse aus der Vergangenheit können mit exakten Daten genauer berechnet werden.
Genau diese Problemstellung haben wir bei der Gefahrenprognose der Lawinen. Wir sollen ohne exakte Daten mit einer Fülle von Parametern für die Zukunft ein möglichst genaues Ergebnis für die Einschätzung  der Lawinengefahr finden.
„Weniger ist also Mehr“
Wissenschaftlich untersucht wurde diese Methode am Beispiel des Problems von der Entwicklung von Aktien oder etwa der Wahl der richtigen Schule für ein Kind. Bei der hier vorgestellten Methode handelt es sich um eine modifizierte Anwendung der Intuition. Wie ich in Teil 1 bereits angemerkt habe, ist Intuition alleine kaum eine Möglichkeit, um die Lawinengefahr gut einschätzen zu können.
Die Frage war also, gibt es eine Möglichkeit, ein vereinfachtes Verfahren, dass die Intuition so verbessert, dass man damit auch im Gelände arbeiten kann?
Ich wurde dabei bei Gerd Gigerenzers fündig. In seinem Buch „Bauchentscheidungen“ beschreibt er eine Methode, wie Ärzte in Amerika die Diagnose für eine Herzerkrankung drastisch verbessern konnten. Dabei wurde auf „Weniger ist Mehr“ zurück gegriffen und ein „effizienter Entscheidungsbaum“ speziell für dieses Problem entwickelt.
Ich habe dieses System nun auch auf die Lawinenprognose angewendet.

Montag, 2. Januar 2017

Alpin Journal: Rechnen vs Intuition, oder doch was Anderes?

Alpin Journal: Rechnen vs Intuition, oder doch was Anderes?:   Rechnen vs Intuition, oder doch was Anderes?   Teil 1. Seit Prof. W. Paulcke seine „Praktische Schnee- und Lawinenkunde“ 1938 im ...

Rechnen vs Intuition, oder doch was Anderes?



 Rechnen vs Intuition, oder doch was Anderes?  Teil 1.

Seit Prof. W. Paulcke seine „Praktische Schnee- und Lawinenkunde“ 1938 im Julius Springerverlag veröffentlicht hat, hat sich nichts wirklich Wesentliches auf diesem Spezialgebiet getan.
Aufgrund dieser Grundlagen wurden Entscheidungshilfen- und Strategien entwickelt, die alle als Input den aktuellen Lawinenlagebericht haben. 

Viel diskutiert wird vor allem darüber, welcher Entscheidungsansatz zur Einschätzung der Lawinengefahr besser sei, jener über „Berechnen“  der Lawinengefahr aus dem LLB, oder dem Entscheiden durch Intuition.

Viele erfahrene Bergsteiger haben ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Intuition in verschiedenen Situationen gemacht, so auch ich.
Es war bei meiner zweiten Expedition zum Mt Everest. Wir hatten uns bereits sehr gut akklimatisiert und waren im Begriff zur sogenannten „zweiten Rotation“ auf zu brechen. Alles war fertig geplant, die Sherpas eingeteilt und die Lasten fertig gepackt. Nach dem Abendessen ging ich vor das dining Zelt hinaus und warf einen Blick in den weltberühmten, gefährlichen Khumbu Eisbruch. Milchig weiss schien ein gespenstischer Mond auf eine Landschaft, die wie aus einem futuristischen Film auf mich wirkte. Plötzlich, völlig aus heiterem Himmel zog sich mein Bauch zusammen. Ich will da nicht, noch nicht, hinauf. Der Zweifel wurde so stark, dass ich mich zum Handeln gezwungen sah. Im Zelt blies ich den gesamten Aufbruch für den nächsten Tag ab. Die Sherpas schauten etwas komisch, meine Gäste nahmen meine Entscheidung einfach zur  Kenntnis.
Am nächsten Morgen weckte uns bereits um 0700 Uhr früh eine hektische Betriebsamkeit im Camp. Ein Serac war umgestürzt, die Route wurde verschüttet und sechs Sherpas anderer Teams starben in der nachfolgenden Eislawine…..
Ich hatte bei meinen zahlreichen Expeditionen, davon alleine 4 zum Mt. Everest und 8 x in die Antarktis, viele ähnliche Situationen wie oben geschildert. Hatte also am eigenen Leib erlebt, wie Intuition  funktionieren kann. 

Neben den vielen Expeditionen war ich jedoch auch Winter für Winter wochenlang in den Westalpen auf grandiosen Skitouren-  und freeride Wochen unterwegs. Die große Frage, die sich mir stellt, ist nun, ob man mit Intuition auch in Lawinensituationen bzw. Entscheidungen bei Skitouren und Freeriden praktisch anwenden kann. Also eine systematische  Methode für eine allgemeine Anwendung finden kann. 

Viele mir bekannte Kollegen sind mit den bekannten Methoden und Entscheidungshilfen a la „Stop or Go“, „Snowcard“ usw nicht wirklich zufrieden. Vor allem, da als Input der Lawinenlagebericht verwendet wird, und jeder 4. Bericht nicht korrekt ist, daher kann auch das Ergebnis solcher Hilfen nicht wirklich zufriedenstellend sein.  

Stell dir vor, wir nehmen den Wetterbericht im Voraus als Grundlage dafür, in welchem Gang und auf welcher Straße wir, wie schnell, mit dem Auto am nächsten Tag fahren dürfen. Schnell leuchtet es ein, dass das Wetter hinter jedem Berg anders sein kann, und wir je nach örtlicher Situation angepasst mit dem Auto fahren müssen. Also das Wetter selbst vor Ort beurteilen, und unsere Entscheidungen selbst treffen müssen.

die Grundlagen der Lawinenkunde entstanden schon in den 30 er Jahren

Um mein Problem lösen zu können, war es sehr wichtig wissenschaftliche Erkenntnisse über Intuition zu finden. Ich begann schon vor einigen Jahren mit der Lektüre von diversen Fachbüchern. In der „Szene der Lawinenprognostiker“ ist das Werk Gerd Gigerenzers „Bauchentscheidungen“ schon länger „en vogue“. Um mir ein einigermaßen objektives Urteil bilden zu können, war aber ein Mehr an Informationen nötig. Gerd Gigerenzer gilt unter den Wissenschaftern als Anhänger der „Intuition“, genauso wie etwa Gary Klein. Also besorgte ich mir noch Bücher über Wissenschafter, die dem Entscheiden durch Intuition eher skeptisch gegenüberstehen und landete neben Laszlo Merö bei Daniel Kahneman. Kahneman erhielt zusammen mit Amos Tversky sogar den Nobelpreis für Wirtschaft.
 Kurz zusammengefasst meine Schlußfolgerungen für die „Lawinenentscheidung“ aus der Fachliteratur über Entscheiden:
Nach Gigerenzer ist Intuition nichts Anderes als Wiedererkennen und verarbeiten in Faustregeln.  Um wirklich gute Intuition zu haben, müssen wir entsprechend lange Zeit haben, um ein Muster zu „lernen“. Notwendige Voraussetzungen für Intuition sind also lange genug Zeit dazu und ein regelmäßiges Muster der Problematik.
Nun wurde ich bei Laszlo Merö fündig. Er veranschaulicht in seinem Werk „Kognition, Intuition und komplexes Denken“ interessante Stufen der Kompetenz, die teils auf Forschungen eines Gründers der Entscheidungstheorie, Herbert Simon, zurückgehen. Erforscht wurde diese „Kompetenzniveaus“ am Beispiel von Schachspielern. Dies gelingt deswegen so gut, da wir im Schachspiel sehr exakt messbare Leistungsniveaus der Spieler haben, in Form von Punkten in einem Wertungssystem.





Obige Grafiken stammen aus dem Buch „Die Grenzen der Venunft“ von Laszlo Merö. Es handelt sich dabei um eine wirklich gute Übersicht der Kompetenzniveaus und den Eigenschaften von Menschen in der entsprechenden Stufe.
Für uns interessant ist vor allem der Unterschied zwischen „Alltags Intuition“ und „Fachlichen Intuition“. Erstere ist zum Beispiel die Anwendung unserer Muttersprache. Wir müssen nicht bewußt überlegen, was wir wie als nächstes sagen, wir sprechen einfach und drücken damit „irgendwie unbewußt aus“ was wir Meinen.
Fachliche Intuition, wie sie etwa Schachspieler auf dem Niveau von Grossmeistern haben, kann man nur durch mindestens 10 jähriger hauptberuflicher Beschäftigung mit der Materie erwerben. Das ist selbst für Profi Bergsteiger im Fachbereich Lawinen eine gewaltige Zeitspanne um fachlich relevante Intuition über Lawinen zu erwerben.
Dies läßt den Schluss zu, dass es eigentlich nicht möglich ist, aufgrund von Intuition zu einem allgemein gültigen System für „Lawinenentscheidungen“ zu kommen, welches für die große Masse der Bergsteiger allgemein tauglich ist. Wie wir durch die Kompetenzstufen ersehen können, ist eben ein großer Unterschied in der Qualität der Intuition und der Erfahrung gegeben.
Was bedeutet das nun für unser Problem mit den Entscheidungsmethoden in der Lawinenkunde, also Entscheidungen über „zu gefährlich“, oder „geht schon“ zu treffen?
Nach einigen Überlegungen glaube ich, dass wir den gesamten Bereich Lawinenentscheidungen neu „aufstellen“ müssen. Wir müssen uns entgültig von der Möglichkeit verabschieden, im Lawinenbereich exakte Entscheidungen im Sinne von „richtig“ oder „falsch“ treffen zu können. So wie es im Bereich der Logik und der Mathematik viele Bereiche gibt, die nicht eindeutig mit wahr oder falsch zu entcheiden sind. Man denke nur an Gödelsche Frage wie z. b. „Ein Lügner sagt ich lüge nie“, spricht er die Wahrheit, oder nicht……
Also doch „was Anderes“. Ich werde das im Teil 2 behandeln.

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Alpin Journal: Vom richtigen Timing in den Bergen

Alpin Journal: Vom richtigen Timing in den Bergen: Vom richtigen Timing in den Bergen Der Spätherbst ist eingekehrt in unseren Bergen, das Laub  hat sich verfärbt, oben liegt schon Schnee ...

Vom richtigen Timing in den Bergen

Vom richtigen Timing in den Bergen

Der Spätherbst ist eingekehrt in unseren Bergen, das Laub  hat sich verfärbt, oben liegt schon Schnee und schön langsam wird es von Tag zu Tag kälter in der Früh.
herbstlicher Berglauf zum Hinteren Gosausee

Zeit sich etwas zurück zu lehnen und auszurasten. Jeder Profisportler schaut, dass er im Jahreszyklus seine Regenerationszeit einhält. Ist eh klar, der Körper ist ja schließlich keine Maschine. Vor allem wenn man über Jahre oder gar schon Jahrzehnte regelmäßig unterwegs ist, sollte es eigentlich klar sein, sich bzw. seinem Körper eine ruhige Zeit zu gönnen. Zeit kleine Wehwehchen auszuheilen, eventuell sogar etwas Speck anzusetzen und langsam aber sicher wieder so richtig Motivation für die nächste Saison zu tanken. Für mich hat es sich bewährt, nach einer "ruhigeren Zeit" langsam mit Regenerationstraining zu beginnen und mich auf den Winter vor zu bereiten, sowohl körperlich als auch mental. Klar hier geht es um Bergsteigen  und eindeutig nicht um Skirennen oder Skitouren Rennläufer. Diese müssen sich einer anderen Jahresplanung unterwerfen und trainieren auch mit Profi Trainern.
Liegt es daran, dass ich schön langsam älter werde? - Oder haben die "sozialen Medien" a la Fb wirklich so einen eklatanten Einfluss auf unsere Gesellschaft, wie uns das von den Massenmedien immer wieder suggeriert wird? Jedenfalls hab ich den Eindruck, dass nicht nur "Weihnachten" immer früher in den Geschäften einzug hält, sondern dass auch unter uns Bergsteigern so manche sich immer eigenartiger benehmen. Fast ist man geneigt zu glauben, es geht nur noch darum, wer noch früher eine noch größere Skitour gemacht hat, wer am besten mitten in der Sommerhitze eine schwierige Eistour unternommen hat, inklusive Teletubie Filmchen und natürlich auf sämtlichen Kanälen gepostet.

Vorderer Gosausee, frischer Neuschnee im Hochgebirge

Wo bleibt der Hausverstand, die Eigenverantwortung? Wo das richtige Gspür dafür, welche Tour man wann am besten, also bei relativ sicheren Verhältnissen machen kann? Jetzt, mitten im Herbst, wo die Gletscher völlig blank und schneefrei geworden sind im vergangenen Sommer, und gerade die ersten kalten Pulverschneeschichten vom Wind über die Spalten gefegt wurden, fangen viele schon an mit ihren Skiern im Hochgebirge herumzurennen. Offenbar hat niemand von ihnen Angst in einer Gletscherspalte auf nimmer Wiedersehen zu verschwinden, oder gar von einer Grundlawine aus noch nicht "gesetztem" Schnee und bis zum blanken Grundeis, als perfekt rutschiger Gleitfläche, verschüttet zu werden.

Ich möchte hier eine Lanze brechen, eine Lanze für angepasste Tourenplanung.

Ist es wirklich so, dass kaum hat jemand von seiner ersten Skitour oder Eistour gepostet, -  "ich war erster!" -  andere ihre Skier schnappen und hinterher hecheln? Ist es wirklich so, dass viele Bergsteiger anstatt ihre Nase in die Natur halten, Informationen über die tatsächlichen Verhältnisse aufnehmen und Überlegen auf welchen Gipfel man als nächstes stehen will, ihr Tourenziel ohne nachdenken nach den Postings anderer auswählen?
Ich kann es nicht glauben, aber zumindest ein Teil unter uns Bergsteigern scheint in so einem Stil unterwegs zu sein. 

Es sollte doch jedem klar sein, dass nicht jener Bergsteiger der beste ist, der am frühesten im Jahr mit seinen Touren beginnt bzw. am meisten Touren am Ende der Saison gesammelt hat, sondern jener, der den jeweiligen Verhältnissen angpaßt und vor allem defensiv unterwegs ist.

Dienstag, 9. August 2016

Das liebe Geld und die Grenzen der Bergkameradschaft, "Double 8" Drama am Shisha Pangma


Vor rund zwei Jahren planten vier Bergsteiger eine Expedition der Superlative: Bei "Double 8" war es das Ziel zwei Achttausender innerhalb einer Woche by fair means, also mit Schiern und Moutainbike zu besteigen. Die beiden Achttausender Shisha Pangma und Cho Oyu werden öfters im Zuge einer einzigen Expedition hintereinander bestiegen, da sie relativ knapp beieinander liegen und logistisch einfach erreichbar sind. In der tibetischen Hochebene sind die beiden Basislager fast mit dem Jeep erreichbar, normalerweise allerdings nicht in einer derart knappen Zeitspanne.



Jasemba und Shisha Pangma vom L 3 am Cho Oyu (ca. 7400m)



Die Double 8 Expedition war riesig vermarktet, zeitgemäß mit Internet und "Echtzeit updates". Leider vereitelte das schlechte Wetter den planmäßigen Fortgang der Expedition, so endete ein erster Versuch im tiefen Neuschnee. Naturgemäß erzeugte diese Situation einen enormen selbst auferlegten Druck an die Expeditionsleitung bzw. die Vermarktungsmanager.

Natürlich ist man heutzutage auf kaum einem Berg am Normalweg alleine. So auch in jenem Herbst am Shisha Pangma. Mit am Berg war der Schweizer Profi Bergsteiger Ueli Steck, einer breiten Öffentlichkeit bekannt durch seine zahlreichen Speedrekorde durch Eiger- und Matterhorn Nordwand.

Durch mir nicht näher bekannte Umstände beschloss man im "Double 8 Team" nach dem mißglückten Versuch, den Schweizer Profi Steck ins Team zu holen. Dieser war eigentlich mit seiner Frau zu einer privaten Besteigung in Tibet, entschloss sich aber aufgrund der prekären Schneesituation auf eine "private Besteigung" mit seiner Frau zu verzichten. Statt dessen schloß er sich dem Team um die riesig vermarktete "Double 8" Expedition an. Irgendwie von außen betrachtet eine komische Entscheidung: war es nun aufgrund der Schneelage zu gefährlich, oder doch vertretbar einen Versuch zu wagen?

der Cho Oyu von Tibet
Jedenfalls beschlossen die nun fünf Bergsteiger einen zweiten Gipfelversuch. In der extremen Höhe von 7900 m, nur rund 100 m unter dem Gipfel kam es zur Tragödie. Eine riesige Lawine löste sich und riss drei der fünf Bergsteiger mit sich. Geschockt stiegen Steck und ein verbliebenes Mitglied der "Double 8" Mannschaft in tiefere Lager ab. Obwohl sie anscheinend auf dem Lawinenkegel einen leblos daliegenden Körper erkennen konnten, die anderen zwei aus dem Team waren offensichtlich total verschüttet.

Nach mehreren Stunden wachte der auf der Oberfläche des Lawinenkegels liegende Bergsteiger aus seiner Bewußtlosigkeit auf und schleppte sich schwer verletzt in das teilweise zerstörte oberste Lager. Später wurde er durch einen aufsteigenden Sherpa gerettet. Jetzt, nahezu zwei Jahre später erhebt er nun schwere Vorwürfe gegen seine Bergkameraden, dass sie ihn im Stich gelassen hätten.

technisch einfaches Gelände, aber extreme Höhe

Wie soll man sich nun als Aussenstehender zu den öffentlich in einem deutschen Hochglanz Bergmagazin geäußerten Vorwürfen eine Meinung bilden? Selbstverständlich ist es wichtig, Berichte von allen Seiten zu so einem Vorwurf zu lesen.

Klar ist für mich jedenfalls, dass es ein großes Problem darstellt, vor Ort ein eingespieltes Team zu verändern. Nur am Papier ändert sich nämlich dadurch lediglich die Anzahl der Teamteilnehmer. In Wirklichkeit verändert sich - vor allem durch Herinnahme eines "Ausnahme Athleten" bzw. "Stars" wie Steck - natürlich die Gruppendynamik völlig.  Aus einem eingespielten 2 x 2 Team wird durch eine ungerade Zahl plötzlich einer ein "drittes Rad am Wagen". Auch die athletischen Fähigkeiten bzw. die Risikotoleranz und Erfahrung sind nicht zu verachten bei der neuen Rollenverteilung im Team. Und das wirkt sich dann enorm auf die laufenden Entscheidungsprozesse am Berg aus.

Selbstverständlich ist bei so einer großen Tour allen Teilnehmern das Risiko bewußt und von vornherein klar, dass so was nicht ungefährlich ist.

Glück und Freude auf rund 7400 m

Ich war selber einige Male, auch bei großen Achttausender Expeditionen, mit ähnlichen elementaren Lawinen- und Gefahrensituationen konfrontiert. Selbstverständlich ist man selbst als abgebrühter Profibergsteiger nicht immun gegen einen solchen "Todesstress" und handelt oft nur noch instinktiv.

Ich finde die Darstellung von Ueli Steck auf seiner webseite

http://www.uelisteck.ch/de/item/59-grundsaetze-und-selbstverantwortung.html

zu dem Vorfall als grundehrlich und nachvollziehbar.

Auf der anderen Seite kann ich mich auch sehr gut in die Rolle von Martin Maier hinein versetzen, wenn ich mir vorstelle, wie sich die Gruppendynamik durch die Hereinnahme von Steck ins Team verändert haben muss. Trotzdem wirkt für mich die öffentliche Konfrontation über Medien mit seinen Teamkollegen irgendwie befremdend.


 http://bergsteiger.de/bergszene/interviews/martin-maier-vieles-ist-schlicht-gelogen

Übrig bleibt einfach ein schaler Nachgeschmack für alle Beteiligten. Hat das viele Geld (= riesige Vermarktung der Fa. Dynafit) für die Bergsteiger zu viel Stress verursacht? Hat die Vermarktung eventuell wichtige Entscheidungen beeinflußt? Oder war die Situation derart gefährlich, dass jeder nur noch seine eigene Haut retten wollte? Fest steht, dass man durch große Vermarktung hoch hinaus kommen kann, aber auch sehr tief fallen kann. Das Risiko und Druck sind jedenfalls groß, in vielerlei Hinsicht.

Für mich ist es selbstverständlich, dass kein Mensch seinen Freund absichtlich im Stich lassen wird, schon gar nicht in einer Notsituation am Berg. Fest steht auch, dass jeder Bergrettungseinsatz bei Gefahr für die Rettungsmannschaft selber selbstverständlich sofort abgebrochen werden muß!
Uelli Steck muss man  zu seiner Verteidigung zugute halten, dass er neben vielen anderen Situationen, auch am Achttausender Annapurna sogar ihm unbekannte Bergsteiger das Leben retten wollte. Er bekam für seinen selbstlosen Rettungseinsatz sogar den Prix Courage im Rahmen der "Piolet d Or" Preisvergabe.

Als sehr wichtig empfinde ich es, sich zur Beurteilung solcher Vorfälle in die Situation hinein zu versetzen. Natürlich ist das nicht jedem im nötigen Ausmaß möglich, umso vorsichtiger sollte man mit eventuellen Schuldzuweisungen sein. Vom "grünen Tisch" im warmen Zimmer erscheint eine Situation immer leichter zu beurteilen, als in Todesgefahr, wenn Steine und Lawinen um einen herum nieder gehen. Mit nachträglich erhaltenen Informationen und mit genügend Zeit und Distanz ist es oft (zu) leicht, etwas "Besser zu Wissen", bzw. theoretisch Entscheidungen zu treffen.

http://www.spiegel.de/sport/sonst/weltrekordversuch-himalaja-benedikt-boehm-und-sebastian-haag-starten-extremtour-a-991241.html

http://www.sueddeutsche.de/panorama/double-expedition-im-himalaya-zurueckgelassen-auf-ueber-metern-1.3063160?reduced=true

http://www.schweizamsonntag.ch/ressort/nachrichten/drama_in_der_todeszone/